Person über Bord – was tun?

Als Crew übt man ständig für den Ernstfall, der hoffentlich nie eintritt. Wenn doch, muss jeder Handgriff sitzen…

Wie Ihr unseren News entnehmen könnt, ist es in der Nacht vom 11. auf den 12. August auf den Norwegian Star zu einem Zwischenfall gekommen. Eine britische Passagierin ist ist in der kroatischen Adria über Bord gegangen und wurde nach circa 10 Stunden lebend gerettet. Sicher hat die Passagierin großes Glück gehabt, aber eine routiniert arbeitende Schiffsbesatzungen sowie aufmerksame Passagiere verbessern natürlich die Überlebenschancen im Ernstfall deutlich.

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Angeblich ist die Passagierin im hinteren Bereich der Norwegian Star über die Reling gestürzt

Es gibt für alle Notlagen entsprechende Übungen an Bord. Passagiere erleben das selbst hautnah am Tag der Einschiffung, denn dort findet für alle verbindlich die Rettungsübung statt. Im Rahmen dieser Übung erklären die meisten Reedereien auch, was zu tun ist, wenn eine Person über Bord geht. Sofern man eine Person beim Sturz beobachtet, sollte man die Unglückstelle unbedingt durch einen Gegenstand markieren. Bestenfalls mit einem Rettungsring, zur Not aber auch mit einem Holzstuhl oder ähnlichem. Zudem sollte man sofort Alarm auslösen, indem man laut ruft „Person über Bord“ und versucht ein Crewmitglied zu alarmieren.

Bei schwerer See ist es umso wichtiger, aber auch schwerer die Unglücksstelle zu markieren

Jetzt ist es wichtig, der Brückenbesatzung eine präzise Meldung zu geben, wann und an welcher Seite des Schiffes die Person über Bord gegangen ist. Denn wenn das Unglück gleich gleich bemerkt wird, kann die Brückenbesatzung schnell reagieren und ein Wendemanöver einleiten. Das bekannteste ist der sogenannte Williamson Turn. Dieses Manöver bringt das Schiff auf direkten Gegenkurs und das Schiff kann genau zu der Stelle manövriert werden, an der die Person über Bord gegangen ist. Mit einem Rettungsboot kann die Person dann eingesammelt und wieder an Bord gebracht werden. In der Praxis ist das natürlich wetterabhängig.

Costa der Dummy

In der Praxis arbeitet die Crew bei Übungen mit Menschenattrappen, die aus dem Meer geborgen werden

Sollte erst nach längerer Zeit auffallen, dass an Bord jemand fehlt, können die Kameradaten der Security ausgewertet werden. Durch diese Daten kann exakt die Position bestimmt werden, an der die Person über Bord gegangen ist. Diese Position kann dann an andere Schiffe und auch an Land gesendet werden, um Unterstützung anzufordern. Wie Ihr seht, kann man gar nicht oft genug üben, auch wenn die Rettungsübung vielleicht manchmal lästig erscheint… In diesem Sinne:

Ein herzliches Ahoi

Euer Christian

10 thoughts on “Person über Bord – was tun?”

  1. Hallo Christian!
    Ein sehr interessanter Beitrag und wie ich von meiner letzten Reise erfahren hatte, passiert es leider immer wieder. Man kann hier nur froh sein, das der Ausgang glücklich lief. Wie schlimm muss es sein, wenn die Rettung nicht glückt. Ich finde es gut diesen Ernstfall regelmäßig zu üben!
    Liebe Grüße, Tschüss Kerstin 🙋🏻

  2. Hallo Christian, schön mal wieder was von dir zu hören. Die Frau hatte mehr Glück als Verstand, zehn Stunden im Meer, ich hätte einen Herzinfarkt nach dem anderen gekriegt

  3. Hallo Christian,
    als ich das heute in den News gelesen hatte, war ich doch ganz schön geschockt. Kerstin hat ja in ihrem Beitrag berichtet, dass die Frage ja immer gerne gestellt wird, ob und wie oft so ein Unglück passiert. Gott sei Dank doch recht selten. Bin froh das es der Frau einigermaßen gut geht.Diese Reise wird sie und ihre Familie bestimmt nicht vergessen. Die hat mehr als nur einen Schuztengel gehabt. Es gibt sie also doch.
    Aber wie Du schon sagtest,man kann nicht oft genug üben.
    Danke das Ihr uns immer so gut informiert. In den Nachrichten habe ich davon noch nichts gehört.
    In diesem Sinne eine schöne Woche.
    Gruß Claudia

  4. Zum Glück geht es der Passagierin scheinbar körperlich gut, was seelisch bleibt…
    Die Leistung von allen Beteiligten kann man nicht genug würdigen!!!
    Aber wenn man selbst schon oft mit einem Kreuzfahrtschiff gefahren ist, stellen sich doch Fragen, mir persönlich erscheint das alles doch etwas suspekt.
    Es scheint kein starker Seegang oder Sturm gewesen zu sein, ansonsten wären die Außendecks gesperrt gewesen und kein Passagier kommt nach draußen – selbst schon erlebt. Überall sind Gitter, wie kommt man so nah, dass man aus Versehen „herunterfällt“ oder wollte jemand „Titanic“ spielen und ist herumgeklettert? Leider sind auch Suizide gar nicht so selten, nicht nur auf einem Schiff, sondern auch täglich auf unseren Straßen (von uns nur nicht als solche wahrgenommen) oder war hier jemand so volltrunken, wie ich es leider auch schon beobachtet habe, dass da sich jemand gar nicht bewusst war, dass man sich auf einem Schiff befindet? Wie überlebt man 10 Stunden im Meer, auch wenn die Adria zurzeit warme Temperaturen hat? Singen, Yoga und beten? Durch meinen beruflichen Alltag bleibe ich hier sehr skeptisch, was diese Gegebenheit angeht.
    Vielleicht erfährt man mehr, die Staatsanwaltschaft ermittelt, auf jeden Fall hatte diese Passagierin scheinbar nicht nur einen Schutzengel…
    Viele „irritierte“ Grüße
    Helga E.-D.

    Grüße

  5. Ich sehe da auch reichlich Fragen. Gut gelaunt und fröhlich hat sie es überstanden, was für ein Glück. Es laufen doch auch Kinder und Jugendliche alleine übers Deck, vielleicht wissen die aber auch, wo sie hin dürfen und wo nicht. Selbst bei einem nassen Deck kann man sich zwar rasch ein Bein oder Arm brechen, ich weiß wovon ich da spreche 😉 aber irgendwo durchrutschen, also dann müssten doch erhebliche Baumängel an diesem Schiff bestehen. Und das glaube ich mal weniger! Alles andere schon, auch Publicity und Trunkenheit. Ich kann nur hoffen, dass meine Frau mich früher vermisst, falls mir das mal passiert und ein paar Yoga-Übungen lasse ich mir von ihr auch zeigen, man kann ja nie wissen. Meine Hochachtung vor der gesamten Crew und allen beteiligten Rettern, ob sie so „fröhlich“ waren bei der Aktion bleibt zu bezweifeln, nur unendlich erleichtert am Ende. Bleibt zu hoffen, dass die Dame reichlich was in deren Fonds gezahlt hat.
    Gruß
    Peter

  6. Bei diesem Beitrag läuft mir eine dicke Gänsehaut über den Arm. Ich habe selbst schon ein echtes MOB Manöver fahren müssen. Eine Mitseglerin war aus den Wanten gestürzt. Zum Glück habe ich grade in diesem Moment genau dorthin geschaut. Wir fuhren unter Vollzeug, die See war ruhig und da wir eh das Manöver zur Übung fahren wollten, waren fast auch schon all Hands on Deck. Nach 17 Minuten hatten wir sie wieder an Bord. Bewusstlos aber lebend. 3 Nackenwirbel gebrochen, beide Unterarme mehrmals gebrochen, zwecks der Wiederbelebung auf dem Schlauboot ein paar Rippen gebrochen. Und das war ein Sturz aus ca. 8 m inkl. Zusammenprall mit der Bordwand. Ich musste erstmal allen klarmachen, dass es ernst ist und nicht die Übung. Uns wurde gesagt alles ins Wasser werfen was schwimmt und das haben wir getan. Am Ende der Kette von schwimmenden Gegenständen haben sie sie gefunden. 33sm vor der englischen Küste. Die Nordsee war nicht grade warm, aber das hat sie in dem Fall gerettet. Da sie bewusstlos war hat der Körper bei der Kälte alles runtergefahren und somit sind ihr Hirnschäden erspart geblieben.
    Der Rettungshubi der Marine hat Vollgas gegeben und war nach 20 Minuten da, da er nicht wegen unserem Rig nicht an Deck landen konnte, musste die Crew mit dem Schlauchbot rausfahren und sie wurde vom Boot mit einem Taucher hochgewinscht. Nach 8 Wochen im künstlichen Koma, konnte sie nach 3 Monaten nach Deutschland zurückgeflogen werden und nach 5 Monaten war sie wieder gesund. Ohne bleibende Schäden. Aber uns allen die dabei waren hängt das immernoch nach. Wir werden dieses Manöver nie vergessen. Das Hoffen und Bangen sie zu finden, sie lebend zu finden…. Wer immer heute in meiner Nähe Witze über Mann über Bord Manöver macht oder während so einer Übung neben mir Blödsinn macht, bekommt von mir so richtig was zu hören.
    Sie hatte so ein Riesenglück. 1. hat es jemand gesehen, 2. waren schon alle Mann an Deck 3. war ruhige See, am Vortag hatten wir Windstärke 4 und hohe Wellen 4. es war Tag 5. hatten wir einen Chirurgen und eine Krankenschwester sowie zufällig auf dem Törn noch 3 weitere Ärzte an Bord. Unsere Mitseglerin hat vor ein paar Tagen zum 13. Mal ihren 2. Geburtstag gefeiert. Bis heute kann sie sich nicht an das Unglück erinnern und lediglich das ein oder andere Detail an den Törn kommt wieder.

  7. Hallo Mascha, dieser Beitrag hat mich ganz besonders berührt, weil’s Wahrheit ist. Mehr will ich dazu nicht sagen. Hoffentlich erlebst Du das nie mehr.

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